wlv_LOGO

„Man kann sich verständlich machen“

Uwe Martin / 11. Mai 2017

Wie drei Topathletinnen aus China eine Woche ihr Trainingslager in Wiesbaden absolvieren

Der Zufall ist ein viel bemühtes Wort, das ganz oft eine gewisse Ratlosigkeit entlarvt. Die Mathematik mag keine Zufälle. In der vorhersehbaren Welt voller Zahlen und Gleichungen ist das Prinzip von Ursache und Wirkung das bestimmende: Zieht man vorne was ab, ändert sich hinten das Ergebnis. Ist das linke Bein im Abwurf nicht gestreckt, fliegt die linsenförmige Scheibe zu flach. Es ist diese unmittelbare Kausalität, die die Parallelen der Rechenkunde zum Diskuswerfen biomechanisch so offensichtlich macht.

Der Mathematiklehrer Karlheinz Steinmetz indes ist alles andere als ratlos. Am Werferplatz des Helmut-Schön-Sportparks verfolgt er mit Argusaugen das Treiben seiner drei Schützlinge aus Fernost. Feng Bin, die Achtplatzierte bei den Olympischen Spielen in Rio, Lu Xiaoxin und Yin Yuanyuan bereiten sich seit Freitag - statt im Trainingszentrum in Peking - in der hessischen Landeshauptstadt auf den 22. Werfer-Cup des Wiesbadener LV vor.

Der Mittsiebziger, der in seiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Diskustrainer unter anderem als Coach von Lars Riedel den Olympiasieg 1996 in Atlanta, fünf WM-Titel und ein EM-Gold feiern durfte, ist mittlerweile nur noch als Berater für den chinesischen Verband tätig. Seine Stelle als Nationaltrainer im Reich der Mitte hat der Dieburger im vergangenen Jahr aufgegeben. „Es steht nicht schlecht um den chinesischen Diskussport. Bei den Frauen waren drei im Olympia-Finale in Rio. Es läuft sogar ganz gut. Ich konnte zufrieden Abschied nehmen“, erklärt Steinmetz am Rande der Übungseinheit.

Am trainingsfreien Sonntag hat er mit den drei jungen Chinesinnen einen Ausflug in den Rheingau nach Rüdesheim unternommen, „leider war das Wetter so schlecht“, erzählt Bin, die es am Zuckerhut mit einer Weite von 63,06 Metern unter die ersten Acht schaffte. „Und auf der Rückfahrt bin ich eingeschlafen, der Jetlag“, sagt die 23-Jährige, die am Samstag die Marke von 66 Metern knacken will. Beim Werfer-Cup des Vorjahres kam Bin in Wiesbaden im Übrigen auf 63,15 Metern. Was sie an Deutschland besonders mag? „Rumpsteak.“

„Ohne die Hüfte geht nix!“, korrigiert Steinmetz mit Nachdruck die Wurfversuche mit dem ein Kilogramm schweren Diskus. Oder poltert: „Das ist zu hoch, mehr nach vorne.“ Sein Wort hat Gewicht bei den Asiatinnen, schließlich wurde unter Steinmetz‘ Ägide Li Yanfeng im Jahr 2011 die erste chinesische Diskus-Weltmeisterin.

Auch das Nachwuchstalent Yin Yuanyuan legt sich in Wiesbaden ins Zeug. „53 Meter, das will ich hier erreichen“, sagt die zurückhaltende 17-Jährige, die zusammen mit ihren beiden Mitstreiterinnen für eine Woche in einem Hotel in Erbenheim untergebracht ist.

Auch wenn alle drei Werferinnen im Prinzip kein Wort Englisch sprechen – und Steinmetz dem Chinesischen nicht mächtig ist – so „bildet sich im Trainerbereich im Austausch mit den Athleten immer so eine Art ‚Spezialsprache‘ aus mit prägnanten Schlagworten“, führt der Dieburger Trainer aus. „Und beide Seiten wissen dann sofort, was jeweils gemeint ist. Man kann sich schon verständlich machen.“

Morgens wird stets im Kraftraum gearbeitet, bevor es nachmittags auf der Anlage in der Berliner Straße zur Sache geht: Das Trainingsprogramm lässt wenig Pausen zu, wohl wissend, dass die Konkurrenz beim Werfer-Cup 2017 wahrlich keine Laufkundschaft ist. Unter anderen werden Anna Rüh (SC Magdeburg) sowie Claudine Vita (SC Neubrandenburg) in den Wurfring steigen. Sie dürfen neben Bin getrost als die Topfavoritinnen auf den Platz ganz oben auf dem Podium gelten. Rüh, U20-Weltmeisterin 2012, warf im vergangenen Jahr in Wiesbaden 63,42 Meter und schaffte damit die Qualifikationsnorm für Olympia in Brasilien. Die 20-jährige Vita zeigte sich jüngst bereits in bestechender Frühform und übertraf Anfang Mai dreimal die geforderte DLV-Norm (61,20 Meter) für die Leichtathletik-WM im August in London.

 

Quelle: Wiesbadener Tagblatt/Matthias Laux

 

China

 

Drei für Wiesbaden: Die Chinesinnen Feng Bin, Lu Xiaoxin und Yin Yuanyuan beim Pressetermin (Foto: Peter Schulte)

 

 

© 2010-2014 WLV, Wiesbadener Leichtathletik Verein | impressum